Beuren

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Die Orgel der evang. Nikolauskirche Beuren von Johann Victor Gruol 1839. 

Foto: Gunther Seibold

2014 führten wir eine Ausreinigung und Generalüberholung der Orgel durch. Die Rekonstruktion des Instruments wurde 1979 von Richard Rensch durchgeführt; eine der ersten Arbeiten, bei denen Klaus Rensch als Geselle mitwirkte. Diese  war damals durch Umbauten (Pneumatisierung) soweit verändert, dass sie außer am Gehäuse, nicht mehr als Gruol-Orgel zu erkennen war. Für die Rekonstruktion des Hinterwerks konnten als Basis Teile einer erhaltenen, einmanualigen Gruol-Orgel aus der damals nicht mehr benutzten Kirche von Reutlingen-Sondelfingen, verwendet werden. Hier Ausschnitte eines Textes von Richard Rensch dazu:

»Die erhaltene Grundsubstanz - Gehäuse und Pfeifen von ca. 12 von 19 Registern - stammt von Johann Viktor Gruol, dem Jüngeren 1839 (der Vater war vier Jahre vorher gestorben). Die vollständige Disposition der Orgel ist uns durch einen von der Fa. Walcker in Ludwigsburg 1848 aufgestellten Kostenanschlag für eine „Entstaubung“ der Orgel überliefert. Zwar war von der Technik der Orgel von 1839 (Spieltisch, Traktur, Windladen, Gebläse) nichts mehr erhalten, jedoch ergaben sich im Inneren des Gehäuses ausreichende Anhaltspunkte in Form von abgesägten Stützen und Verbindungsteilen, die im Zusammenhang mit den erhaltenen Registern und der Anordnung der Prospektpfeifen eine Rekonstruktion der Hauptwindlade bis ins Detail hinein ermöglichten.

Disposition der Orgel in der Nicolauskirche zu Beuren nach der von Johann Victor Gruol d. J. 1839 erbauten Orgel unter Verwendung von Teilen der vom gleichen Meister für die alte Kirche in Reutlingen-Sondelfingen 1834 erbaute Orgel

I. Manual, C-f 3 II. Manual, C-f 3
1. Prinzipal  8' 11. Principal  4'*
(C-e" Prospekt) 12. Octave  2'*
2. Viola di Gambaba  8' 13. Salicional  8'
(Prospekt Dis-c) 14. Dolce  4'
3. Octave   4' 15. Mixtur III-IV   1/3'
4. Quintflöte  5 1 / 3 ' 16. Gedeckt  4'
5. Mixtur IV  2'+Terz 4/5', 1 3/5' 17. Coppel  8'
(als Einzelzug) 18. Harmonika  8'
6. Octave  2' 19. Cornet  2 2/3' + 1 3/5'
7. Traversflöte  4' Kanaltremulant
8. Coppel  8'
9. Bourdon  16' Pedal, C-f1
10. Liebl. Principal  8' 20. Posaune   16'
(früher: Principalbaß 16')
21. Violonbaß  16'
Ventilkoppeln I+II/Pedal 22. Octavbaß  8'
Manualkoppel II/I 23. Subbaß  16'
24. Oktave  4'*
Zwei Spanbälge 25. Mixtur III 2 2/3'*

Aus der Beurener Orgel von Gruol stammen, teilweise ergänzt, folgende Register: Nr. 1, 3, 5, 8, 10; 12, 13, 14; 19.Aus der Sondelfinger Orgel von Gruol stammen folgende Teile: Windladen II. Manual und Pedal für Register 20-23, Subbaß, Octavbaß, 1 Wellenbrett, Trakturteile. Folgende Register sind Nachbauten nicht mehr vorhandener Gruol-Register: 2 (Link 1922 und Rensch 1979) 7 (Walcker 1944) 4, 9, 18 (Rensch 1979) 17 (Weigle ca. 1950) Die mit * bezeichneten Register sind zur Originaldisposition von Beuren (Gruol 1839) hinzugefügt.

Wertvolle Hinweise bezüglich Spieltisch und Anordnung der Register ergab das Vorbild der 15 Jahre früher von Vater und Sohn Gruol für Bissingen/Teck erbauten, zweimanualigen Orgel, deren Hauptwerk fast die gleiche Disposition wie die des Beurener Hauptwerkes aufweist.

Das Hinterwerk war als Echowerk disponiert und besaß nur leise 8'- und 4’ Register. Damit war von vorn herein eine stilistische Einschränkung der Orgel festgelegt, die der „neuesten musikalischen Mode“ der Erbauungszeit entsprach. Das Hauptwerk in seiner noch ganz klassischen Disposition ist aber durchaus, als Basis für ein eigenständig korrespondierendes und alternierendes zweites Manualwerk tauglich. Ein glücklicher Umstand schuf die Voraussetzung für eine solche klangliche Erweiterung, die nicht nur die Originaldisposition unangetastet ließ, sondern darüber hinaus die Beurener Orgel um weitere wichtige Originalteile von Gruol bereicherte. Die Gemeinde Beuren konnte noch vorhandene Teile einer von Gruol 1843 für die (heute nicht mehr benutzte) alte Kirche in Reutlingen-Sondelfingen erbauten Orgel erwerben. Diese Orgel war einmanualig mit Pedal. Die Manuallade enthielt den Platz für folgende Register (Pfeifen waren nur noch von den angekreuzten [*] Registern vorhanden):

Sondelfingen:  Originaldisposition Beuren II.Manual
Principal  4'
Octave  2'
Salicional  8' Salicional  8'
Dolce 4' Dolce  4'
Mixtur III  2'
Leere Schleife
Gedeckt  4' Gedeckt  4'
*Coppel  8' Coppel  8'
*Liebl. Principal  8' (Holz) Harmonika   8' (Holz)

Nun wurden die auf die Sondelfinger Lade gehörigen Register Principal 4', Octave 2' und Mixtur III als Ergänzung der Beurener "Nebenwerks"-Disposition hinzugebaut, die von Gruol angelegte Leerschleife wurde mit einem „Cornet“ 22/3'+13/5'  (in Anlehnung an das Bissinger Vorbild, wo sich ein „Cornet“ 2'+1 3/5' im Hauptwerk befindet) besetzt, auf die Schleife des Liebl. Principal 8' kam die Harmonika 8'.

Die Pedallade enthielt folgende Register (C-c', 25 Töne)

Sondelfingen  Originaldisposition Beuren
Principalbaß  16' (Holz)
*Octavbaß  8' (Holz) Violon Baß 16' (Holz)
*Subbaß 16' (Holz) Octavbaß 8' (Holz)
Leere Schleife  *Subbaß 16' (Holz)

Die leere Schleife wurde mit Oktave 4' besetzt. Für den Violonbaß 16' wurde hinter die alte Sondelfinger Pedallade eine neue Lade gebaut; anstelle des nicht mehr vorhandenen Principalbaß 16' wurde (nach dem Vorbild Bissingen) eine Holzposaune 16' in voller Länge gesetzt. Diese neue Lade erhielt den heute gebräuchlichen Umfang C-f' (30 Töne). Die außenliegenden Kanzellen von cs1 - f1 und d1 - e1 wurden bis zur Vorderkante der alten Sondelfinger Pedallade verlängert. Somit umschließt die neue Lade die alte Gruollade U-förmig und es wurde die Erweiterung des Umfanges der Sondelfinger Lade bis f' ermöglicht, ohne historische Substanz irgendwie zu verändern.« 

Es wurde zwar keine historische Substanz verändert, aber rekonstruiert wurde ein „Bach-taugliches“ Pedalwerk mitteldeutscher Prägung (siehe Disposition heute), was sicher die Alltagstauglichkeit erhöht aber aus heutiger Sicht vermutlich als Nachwehen der Orgelbewegung angesehen werden wird.  » […]Die Erweiterungen des Originalzustandes durch den Einbau der Sondelfinger Originalteile dürfte in dieser Form einmalig sein und - ohne verändernden Eingriff in die Originalkonzeption - eine über die Darstellung des ursprünglichen enger begrenzten musikalischen Stilbereiches hinausgehende Verwendung eines Orgelklanggutes ermöglichen, wie es in seiner Eigenständigkeit und dieser Zeit- und Stilgebundenheit heute selten anzutreffen ist.«

© Klaus Rensch 2016