Albstadt Ebingen, Evang. Martinskirche

Ebingen 1

Albstadt Ebingen, Evang. Martinskirche. Orgel von Richard Rensch Orgelbau III/51, 2002

Foto: Klaus Ditté

mechanische Schleifladen, elektr. Registertraktur, Setzer etc.

Künstlerische Gestaltung: Klaus Rensch, 2002

2009 ergänzten wir das vorbereitete Register Sifflet 1’ im Positiv.

Konzeption der neuen Orgel in der Ev. Martinskirche  Albstadt-Ebingen

Nachdem im Jahre 1999 die Überlegungen zur Rekonstruktion der originalen Anlage (Walcker op.1236 von 1906, gravierend verändert 1963) verworfen wurden, strebte man ein in sich  für den Jugendstilraum schlüssiges Gesamtkonzept an: Ein dreimanualiges Instrument mit klassischem Kern und expressiver romantischen Klangaussage aus süddeutscher Tradition heraus, das  sich einerseits an die Disposition von 1906 anlehnt, andererseits Ideen der elsässischen Orgelreform aufnimmt. 

Die neue Orgel erscheint als ein sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe gestaffelter Gehäusekörper. Auf einem bogenförmig abgeschlossenen Untergehäuse ruhen einzelne, oben halbrund abgeschlossene Türme mit vorgelegten Medaillons, die künstlerisch gestaltet wurden und die Orgel mit den „7 Schöpfungstagen“ schmücken. Die Türme selbst werden durch Wölbungen in der Tiefe  werkweise zusammengefasst. Die Gestaltung strahlt durch das Verhältnis Höhe : Breite Ruhe aus. Durch die Grundformen und ihre Dimensionierung fügt sich diese Orgel nicht nur nahtlos in den Kirchenraum ein, sondern schmückt diesen auch mit ihrer Ornamentik. Im Prospekt klar ablesbar sind das Hauptwerk mit Principal 16' und Principal 8', links und rechts des Positives, welches in der Mitte angeordnet wurde und vor dem der Prestant 8' mit etwas Überlängen steht. Hinter diesem vorderen Gehäuseteil ist - bündig mit dem Turmeinschnitt - das Schwellwerk und das Kleinpedal angeordnet. Ganz hinten stehen die Pfeifen des Großpedals. 

Mit 48 klingenden und 4 zum späteren Einbau vorbereiteten Registern stellt die Orgel ein breite und vielfältige Palette an Klangfarben und Mischungsfähigkeiten vom zarten Pianissimo bis zum kraftvollen Tutti bereit. Als klangliches Rückgrat steht im Hauptwerk vom  Principal 16' bis zur Mixtur V auf 2' das große Plenum. Die abgestufte Variante findet sich im Schwellpositiv vom  8' bis zur Mixtur IV 1 1/3'. Die „romantisch-streichende“ Modifikation befindet sich im III. Manual mit Geigenprincipal 8', Fugara 4' und Harmonia aetheria III. Das Fundament für dieses Plenum bildet das Pedal mit dem gedeckten 32' untersetzt. Streicherstimmen (Viola, Vox coelestis, Salicional, Viola da Gambe, Violon) sind in jedem Werk ebenso vorhanden, wie verschiedene Flöten vom 16' bis zum 2'. Außerdem verfügen alle 3 Manualwerke über zusammengefasste oder zerlegte Cornette zur färbenden, solistischen oder stützenden (Zungen) Funktion. Die Zungenstimmen - als Trompete, Posaune oder Klarine kraftvoll, als Oboe und Klarinette cantabel oder weich - sind aussagekräftige Solisten und verleihen dem Gesamtklang der Orgel Kraft und Gravität. Die typische Verbindung von Basson 16' und Trompette harmonique 8', Oboe 8' und Clairon 4' im Schwellwerk des dritten Manuales ist für die gesamte französische Musik seit 150 Jahren von fundamentaler Wichtigkeit. Die Klangpalette des III. Manuales wird durch die durchkoppelnde Subkoppel merklich erweitert. 

Zur Kunstgestaltung am Prospekt der Ebinger Orgel

„Die Orgel wird in ihrem Kopfteil von sieben Kreisen geschmückt. Es hätte für ein Musikinstrument  wie die Orgel kaum einen sinnigeren Schmuck geben können. Denn die Siebenzahl ist von weitreichender Symbolik. Sie kann nicht nur die sieben Tugenden und Untugenden, die Wochentage, und durch die Kugelform sehr naheliegend vor allem die sieben Planeten der vormodernen Astrologie: Mond, Merkur, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn und Venus bezeichnen, sondern auch die immer wieder kehrende Erinnerung an die sieben Schöpfungstage. Der Schmuck der Orgel assoziiert eine Verbindung von Musik und Kosmos. Diese Verbindung ist eine sehr alte und spricht sich aus etwa in dem Wort Sphärenharmonie. Es besagt nicht nur eine wie auch immer zu verstehende Geordnetheit des Kosmos, dass alles irgendwie gut ist, sondern ist vielmehr Ausdruck einer mathematischen Erschließung und Berechnung des Kosmos. Seit der Entdeckung des Pythagoras, dass eine nach mathematischer Gesetzmäßigkeit geteilte Strecke bestimmten harmonischen Gesetzmäßigkeiten gleich ist, gilt die Vorstellung, dass der Kosmos, die Ordnung der Welt nicht nur mathematisch, sondern auch musikalisch fasslich ist. Das kommt nur uns heutigen abwegig vor. Denn bis in dieses Jahrhundert galt die Musik nicht nur als eine rein künstlerische, virtuose Beschäftigung, sondern als Wissenschaft. Sie stand der Mathematik gleichwertig zur Seite, war Schwesterdisziplin, wenn es darum ging, die Ordnung der Welt klar und deutlich zu beschreiben – übrigens findet man auch heute in der zeitgenössischen Astronomie noch das Phänomen von der Verbindung von Mathematik und Musik zur Erfassung kosmischer Phänomene: die konstant sich wandelnden Formationen des Asteroidengürtels lassen sich nach den Gesetzen unseres Oktavsystem beschreiben. Die Malerei übrigens hat sich der Darstellung der Orgel und der Musikinstrumente besonders dann bedient, um zum einen jene Sphärenharmonie zum Lob Gottes darzustellen als auch sich selbst als eine nach Maß und Zahl arbeitende Wissenschaft auszuweisen, um sich von bloßen Handwerk zu emanzipieren hin zur freien Kunst.“

Dieses Zitat des Kunsthistorikers Bernhard Stumpfhaus, Heilbronn, aus der Einführungsrede zur Ausstellung (K.-W. Rensch) „Hochdruckrhythmen“, die 2002 in Heilbronn stattfand, drückt sehr treffend die tiefe Sinnhaftigkeit eines Prospektentwurfes aus, die man erreichen kann, wenn man sich an klassische Grundprinzipien hält und diese mit sicherem Gespür intuitiv für eine gegebene Situation im Angesicht des „Zeitgeistes“ interpretiert. Diese herausragende Grundkomposition durfte durch „Sieben Schöpfungstage“ in den sieben Kreisfeldern verziert werden.

Klaus und Christhard Rensch

Disposition der Orgel:

HAUPTWERK (I. Manual) POSITIV (II. Manual, SCHWELLWERK (III. Manual)
  C-a3   im Schweller) C-a3 C-a3
  1. Principal 16' 13. Principal 8' 26. Lieblich Gedeckt 16'
  2. Principal  8' 14. Salicional 8' 27. Geigenprincipal 8'
  3. Flute harmonique  8' 15. Rohrflöte 8' 28. Gedeckt  8'
  4. Gedeckt 8' 16. Principal 4' 29. Flauto amabile 8'
  5. Viola da Gamba 8' 17. Gedeckt 4' 30. Viola 8'
  6. Octave 4' 18. Sesquialter II 2 2/3' 31. Vox coelestis ab c 8'
  7. Hohlflöte 4' 19.  Flöte  2' 32. Fugara 4'
  8.  Quinte  2 2/3' 20. Octave 2' 33. Traversflöte 4'
  9. Octave 2' 21. Quinte  1 1/3' 34. Nasard 2 2/3'
10. Mixtur V 2' 22. Sifflet  1'  35. Flautino 2'
11. Cornett V ab g 8' 23. Mixtur IV 1 1/3' 36. Terz 1 3/5'
12. Trompete 8' 24. Clarinette 8'    37. Harmonia aetheria III 2 2/3'
25. Carillon  (vorbereitet) 38. Basson 16'
PEDAL C-f1 39. Trompette harmonique 8'
42. Untersatz 32' 40. Oboe  8'
43. Principalbaß 16' 41. Clairon  4'
44. Subbaß 16'
45. Octavbaß 8'  TREMULANTEN: für die Manuale  II, III
46. Violon 8'  
47. Gedecktbaß 8'  KOPPELN: II/I, III/I, III/II; Sub III/III (durchkoppelnd). I/P, II/P, III/P.
48. Oktave 4'
49. Hintersatz IV  2 2/3'  
50. Posaune 16'
51. Trompete 8'
52. Klarine 4'


© Klaus Rensch 2016